Junge Planze wird mit Wasser aus der Hand gewässert© Romolo Tavani | Care Of New Life - Watering Young Plant | shutterstock.com

Der Garten in unserem Unterbewusstsein

» Das Herz gleicht einem Garten. Es kann Mitgefühl oder Angst, Groll oder Liebe wachsen lassen. Was für Keimlinge willst du darin anpflanzen? «Jack Kornfield

Dieses wunderschöne Zitat von Jack Kornfield ist eines meiner Lieblingszitate, denn der Garten, den er beschreibt ,existiert in jedem von uns, und zwar von Geburt an bis zu unserem Tod. Dieser Garten liegt in unserem Unterbewusstsein, im Buddhismus als Speicherbewusstsein bezeichnet. Du kannst Dir diesen Garten wie ein frisch angelegtes Blumenbeet vorstellen, in dem ganz viele Keimlinge angepflanzt sind, die darauf warten, genährt zu werden und zu wachsen und Du bist der Gärtner, der dafür verantwortlich ist.

Da ist der Keimling von Liebe und der Keimling von Hass, da ist der Keimling von Freude und der Keimling von Traurigkeit, denn das eine könnte ohne das andere nicht existieren, ohne Hass gäbe es keine Liebe, ohne Traurigkeit keine Freude. Stell Dir vor es gäbe keine Traurigkeit, woher wüsstest Du dann, was Freude ist, wie sich Freude anfühlt? Du weißt nur, wie sich Freude anfühlt, weil Du auch weißt, wie sich Traurigkeit anfühlt. In diesem Garten sind wirklich alle heilsamen und unheilsamen Keimlinge vorhanden und sie werden dort immer vorhanden sein unser ganzes Leben lang.

Welche davon wachsen und gedeihen und sich schließlich als feste Formation im Geistbewusstsein (so nennt man im Buddhismus unser Bewusstsein) manifestieren und unser Handeln und Verhalten bestimmen, hängt davon ab, welche wir nähren. Der Buddha sagte:

Wir müssen die Existenz von allem Gewordenen erkennen und akzeptieren und tief in seine Natur schauen. Wenn wir tief schauen, werden wir die Arten von Nahrung entdecken, die ihm zu seinem Entstehen verholfen haben und die es immer noch nähren.

Er nannte daraufhin vier Arten von Nahrung, die zu unserem Glück oder unserem Leiden beitragen können:

  • Essbare Nahrung
  • Sinneseindrücke
  • Tatabsichten
  • Bewusstsein

Die erste Nahrung ist die essbare Nahrung:

Der buddhistische Lehrmeister Thich Nhat Hanh schreibt in seinem Buch Das Herz von Buddhas Lehre: Leiden verwandeln – die Praxis des glücklichen Lebens

Aus dem, was wir essen oder trinken, kann geistiges oder körperliches Leiden entstehen. Wir müssen unterscheiden können zwischen dem, was gesund, und dem, was schädlich ist. Wir müssen uns in Rechter Anschauung üben, wenn wir einkaufen, kochen und essen.

Die Tatsache, dass wir nicht achtsam essen, trägt viel zu unserem Leiden bei. Wir müssen lernen, in einer Weise zu essen, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden unseres Körpers und Geistes erhalten bleiben.

»Rechte Anschauung« ist ein Glied des »Edle Achtfache Pfad«, dem Weg Buddhas zur Auflösung des Leidens. Es sollte uns bewusst sein, dass wir unserem Körper und Geist schaden, wenn wir rauchen, Alkohol trinken oder Drogen zu uns nehmen. Achtsam essen bedeutet aber auch bewusst zu essen, also sich Zeit dafür zu nehmen und das Essen zu genießen und nichts anderes nebenbei zu tun. Es bedeutet auch sich darüber bewusst zu sein, woher unser Essen kommt. Achtsam essen bedeutet also auch darauf zu achten, dass wir durch unser Essverhalten anderen Lebewesen und der Umwelt nicht schaden, wenn das, was wir essen zur Voraussetzung hat, dass wir Lebewesen töten oder der Umwelt schaden zufügen, führt dies zu Leiden.

Die zweite Nahrung sind die Sinneseindrücke:

Thich Nhat Hanh sagt:

Unsere sechs Sinnesorgane – Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper und Geist – befinden sich in ständigem Kontakt mit Sinnesobjekten, und diese Kontakte werden zur Nahrung für unser Bewusstsein.

Es sollte uns bewusst sein, dass wir durch unseren täglichen Medienkonsum unseren Geist vergiften können. Kinofilme und Fernsehprogramme, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Radiosendungen, das Internet und Gespräche mit Anderen Menschen sind Nahrung für unsere Augen, Ohren und unseren Geist. Sie können die negativen Samen von Begierde, Angst, Wut, Hass und Gewalt in uns nähren. Das kann dazu führen, dass wir uns verzweifelt, ängstlich oder depressiv fühlen, weil wir zu viele Giftstoffe durch unsere Sinnesorgane aufgenommen haben.

Thich Nhat Hanh schreibt dazu:

Wenn wir achtsam sind, erkennen wir, ob wir die Giftstoffe von Angst, Hass und Gewalt zu uns nehmen oder ob unsere Nahrung Verstehen, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gedeihen lässt. Wenn wir achtsam sind, erkennen wir, ob das, was wir sehen, hören oder berühren, uns ruhig und friedlich macht oder ängstlich, traurig und deprimiert. Als Folge werden wir dann wissen, womit wir in Kontakt sein dürfen und welchen Dingen wir aus dem Weg gehen sollten.

Er vergleicht dies mit unserer Immunabwehr. So wie unsere Haut uns vor Bakterien schützt und Antikörper uns vor Krankheitserregern schützen, die in unseren Körper einzudringen versuchen, so sollten wir auch die Fähigkeit unseres Bewusstseins aktivieren und einsetzten, um uns vor »ungesunden Sinnesobjekten« zu bewahren, die uns vergiften können. Diese Fähigkeit nennt man im Buddhismus »rechte Achtsamkeit«. Rechte Achtsamkeit ist ein weiteres Glied des »Edlen Achtfachen Pfades« Er schreibt:

Der Buddha riet uns, zu unserem Schutz die Achtsamkeit als Wächterin vor unsere Sinnestore zu stellen. Schau mit Buddha-Augen, um die Nahrung zu begutachten, die du zu dir zu nehmen gedenkst. Wenn du erkennst, dass sie giftig ist, lehne sie ab, sie anzuschauen, ihr zuzuhören, sie zu schmecken oder zu berühren. Nimm nur das zu dir, wovon du sicher bist, dass es ungefährlich ist.

Die dritte Art von Nahrung sind die Tatabsichten, die Willensakte:

Damit ist der uns innewohnende Wunsch gemeint, das zu erlangen, wonach uns der Sinn steht. Alle unsere Handlungen haben ihren Ursprung im Wollen.

Dieser Wille etwas zu erlangen, von dem wir glauben das es uns glücklich macht kann sehr stark sein. Er kann unser ganzes Leben einnehmen und eben das kann der Grund für unser Leiden sein.

Durch ACT habe ich erfahren, wie wichtig es ist seine Ziele an seinen Werten auszurichten. Ziele sind wichtig im Leben, sie geben uns Orientierung. Ziele allein sagen aber nichts darüber aus, was für ein Mensch wir sein wollen, wofür wir in unserem Leben stehen wollen, was uns wirklich wichtig ist. Ziele sagen auch nichts darüber aus, wie wir sie erreichen wollen und wie wir uns verhalten wollen, wenn wir sie nicht erreichen. Ziele sind abhakbar, Werte dagegen begleiten uns unser ganzes Leben. Werte helfen uns auch zu erkennen, ob dieses Ziel überhaupt erstrebenswert ist oder ob es vielleicht zu Leiden führt? Wenn Du das Ziel hast reich zu werden, Karriere zu machen, weil Du glaubst, nur so glücklich sein zu können, wirst Du alles dafür tun dieses Ziel zu erreichen, ohne Rücksicht für das Wohlergehen von anderen. Du wirst andere ausnutzen, betrügen und ihnen schaden zufügen und so großes Leid verursachen. Thich Nhat Hanh schreibt:

Jeder Mensch möchte glücklich sein, und in uns ist eine starke Energie lebendig, die uns zu dem hintreibt, von dem wir meinen, dass es uns glücklich macht. Aber genau das kann der Grund für unser Leiden sein. Wir brauchen die Einsicht, dass gesellschaftliche Stellung, Rachegefühle, Wohlstand, Ruhm oder Besitz sehr häufig Hindernisse für unser Glück sein können. Wir müssen den Wunsch entwickeln, unabhängig von diesen Bedürfnissen zu leben, so dass wir die Wunder des Lebens genießen können, die uns in der Gegenwart verfügbar sind – den blauen Himmel, die Bäume, unsere Kinder.

Nach drei oder sechs Monaten achtsamen Sitzens, Gehens und Schauens erlangen wir tiefe Einsicht in die Welt, so wie sie ist. Befreit von allen impulshaften Antrieben, gelingt es uns, ganz präsent zu sein und uns am Leben im gegenwärtigen Augenblick zu erfreuen.

Wenn wir unser Glück nur von Zielen abhängig machen und völlig auf das Erreichen dieses Zieles fokussiert sind, dann kann es passieren, dass wir am Glück vorbei laufen und das Leben verpassen, weil wir nicht achtsam für das sind, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Wenn wir unsere Ziele an unseren Werten ausrichten dann ist uns bewusst,

der Weg ist das Ziel.

Der Buddha gab uns den Rat, tief in die Natur unseres Wollens zu schauen, damit wir herausfinden können, ob es uns in Richtung von Befreiung, Frieden und Mitgefühl drängt oder in Richtung von Leiden und Unglücklichsein. Wir müssen in der Lage sein zu erkennen, mit welcher Art von Nahrung wir unser Wollen stärken.

» Wir befinden uns schon auf dem Weg zur Befreiung, wenn wir tief in das schauen, was geschieht – in das Herz der Wirklichkeit -, wenn wir den Ursprung des Geschehenden erkennen und die Nahrung, die ihm Kräfte zuführt. «Shariputra

Die vierte Art von Nahrung ist das Bewusstsein:

Unser Bewusstsein ist wie ein Schwamm, der ununterbrochen alles aufsaugt, was uns bewusst wird: Gedanken, Gefühle, Sinneseindrücke, was wir tun, was uns widerfährt, was wir erleben.

Thich Nhat Hanh schreibt:

Unser Bewusstsein setzt sich aus allen Samen zusammen, die durch unser eigenes vergangenes Denken und Handeln oder das vergangene Denken und handeln unserer Familie und Gesellschaft ausgesät worden sind. Tag für Tag fließen unsere Gedanken, Worte und Taten in das Meer unseres Bewusstseins ein , nehmen Einfluss auf unseren Körper und Geist und die Welt und schaffen sie neu. Wir können unserem Bewusstsein positive Kräfte zuführen, indem wir uns in den »Vier Grenzenlosen Geisteszuständen« üben – in Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Wir können unserem Bewusstsein aber auch negative Nährstoffe zuführen – Gier, Hass, Unwissenheit, Misstrauen und Stolz. Unser Bewusstsein nimmt ununterbrochen Nahrung auf, Tag und Nacht, und was es konsumiert, wird zur Substanz unseres Lebens. Wir müssen sorgsam darauf achten, was für Nährstoffe wir zu uns nehmen.

Uns muss klar werden: Wenn ich in dieser Weise denke, spreche, zuhöre oder handele, nimmt mein Leiden zu.

Bis wir anfangen, zu verstehen, wie wir selbst unser Unglücklichsein nähren, tendieren wir dazu, anderen die Schuld an unserem Unglücklichsein zuzuschieben.

Tiefes Schauen setzt Mut und Selbstmitgefühl voraus. Wenn Dir während einer Meditation ein Symptom des Leidens deutlich wird, schau es Dir ohne es zu bewerten genauer an, so wie ein neugieriger Wissenschaftler, der gerade eine faszinierende neue Unterwasserkreatur entdeckt hat. Frage Dich, was Du zu Dir genommen hast, das dieses Leiden genährt haben könnte? Dabei hilft Dir die Achtsamkeit. Wenn Du es erkannt hast und Dir bewusst wird, mit was Du Dich vergiftet hast, dann sei mitfühlend mit Dir. Du hast eine wichtige Erkenntnis gewonnen, ab jetzt kannst Du aufhören, weiter diese Nahrung zu Dir zu nehmen. Daher ist es wichtig sich täglich in Achtsamkeit zu üben, um wirklich präsent zu sein. Wenn Du nicht erkennst, was Dein Leiden nährt, nutze die Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit Deiner Gemeinschaft, Deines Lehrers, eines guten Freundes. Oft sind wir in unseren eigenen Vorstellungen und Wahrnehmungen so verfangen, dass es uns nicht gelingt, das Offensichtliche zu erkennen. Dann ist die Beobachtung und Erkenntnis von Außenstehenden wertvoll.

Thich Nhat Hanh sagt:

Durch die Fähigkeit, unser Leiden zu identifizieren und seine Ursachen zu ergründen, gewinnen wir mehr Frieden und Freude. Wir haben den ersten Schritt auf dem Weg zur Befreiung getan.

Sobald wir erkannt haben, welche Nahrung das Leiden in uns verursacht können wir aufhören, diese Nahrung weiter zu uns zu nehmen. Wir können dann auch erkennen, dass wahres Glück möglich ist, wenn wir bereit sind, diese Art von Nahrung nicht mehr zu uns zu nehmen.

Thich Nhat Hanh sagt:

Wenn wir unsere Achtsamkeit auf unser Leiden richten, erkennen, wir zugleich auch unsere potenzielle Energie für Glück. Wir erkennen die Natur des Leidens UND den Weg, der zu seiner Aufhebung führt. Aus diesem Grund nannte der Buddha das Leiden eine «heilige» Wahrheit. Im Buddhismus ist mit dem Wort Leiden zugleich auch immer der Weg gemeint, der aus dem Leiden herausführt.

Mit diesen vier Arten von Nahrung nähren wir die Keimlinge im Garten unseres Speicherbewusstseins.

Die Wächterin vor dem Tor zu unserem Garten

Wie jeder Garten hat auch dieser Garten ein Tor und die Achtsamkeit ist die Wächterin vor dem Tor zum Speicherbewusstsein. Wenn wir uns im »Achtsam sein« üben, dann wird uns bewusst, welche Keimlinge wir durch unser Verhalten unser Handeln im gegenwärtigen Moment gerade nähren. Wenn wir unheilsame Keimlinge nähren, dann können wir damit aufhören und stattdessen die heilsamen Keimlinge nähren. Je nachdem, wie oft Du welchen Keimling durch Dein Verhalten, Deine Worte, Deine Taten nährst, wird dieser wachsen aus dem Speicherbewusstsein heraus und langsam in unser Geistbewusstsein wandern, bis er sich dort als feste Formation manifestiert, die fortan unser Denken, Fühlen, Handeln und Verhalten bestimmt.

Die Achtsamkeit ist aber nicht nur die Wächterin vor diesem Garten, die uns darauf aufmerksam macht, ob wir gerade heilsame oder unheilsame Keimlinge nähren. Sie ist auch dafür da, bereits fest im Bewusstsein manifestierte unheilsame Formationen wie Wut oder Hass langsam wieder ins Speicherbewusstsein wandern zu lassen, in dem wir aufhören sie weiter zu nähren und stattdessen die heilsamen Formationen wie Liebe, Mitgefühl und Verstehen zu nähren. Während die eine Seite also kleiner wird, wird die andere größer. Die unheilsamen Formationen werden nie ganz weg sein. Sie existieren dann nicht mehr als feste Formation in unserem Bewusstsein, sehr wohl aber weiter als Keimling im Unterbewusstsein.

Ich finde es eine wundervolle Vorstellung, dass da ein Garten in uns ist, in dem alle diese Keimlinge angepflanzt sind und das ich selbst der Gärtner bin, der entscheidet, welche dieser Keimlinge er nähren möchte und, dass da noch die Achtsamkeit als Wächterin ist, die mir dabei hilft möglichst die heilsamen Keimlinge zu nähren, damit diese gedeihen und wachsen können, bis sie sich als feste Formation in unserem Bewusstsein manifestieren, als Werte, an denen wir unser Leben ausrichten können, nach denen wir handeln können und durch die wir dazu in der Lage sind, diese heilsamen Keimlinge auch in anderen aufgehen und wachsen zu lassen, bis Liebe, Mitgefühl, Freude, Gleichmut und Verstehen in uns allen aufblühen können, wie eine Lotusblüte.

Aloha*

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Veröffentlicht von

Ich heiße Markus Hüfner. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Heilkraft der buddhistischen Psychologie. Durch die Lehren Buddhas habe ich erfahren, dass Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut in jedem Moment erreichbar sind. Um mir dies im hektischen Alltag stets wieder bewusst zu machen, habe ich für mich das A-B-S-Konzept entwickelt. Mein persönliches Anti-Blockier-System für Körper und Geist.