Straßenmusiker spielt Gitarre© Chekunov Aleksandr | A street musician playing the guitar. | shutterstock.com

Wie die Praxis der Achtsamkeit uns hilft im gegenwärtigen Moment anzukommen, um intensiver, mitfühlender und gelassener zu leben.

» Es gibt ein Lied, das wir gerne singen: ›Ich bin angekommen, ich bin zuhause‹. Achtsamkeit heißt immer anzukommen im ›Hier und Jetzt‹. Wir sind viel gerannt, aber wir sind nicht angekommen. Die Praxis der Achtsamkeit hilft uns zu lernen, unser Leben intensiv zu leben. So verschwenden wir nicht unser Leben. «Thich Nhat Hanh

Durch das folgende wundervolle Erlebnis ist mir so richtig bewusst geworden, wie die Praxis der Achtsamkeit uns hilft im gegenwärtigen Moment anzukommen, um unser Leben intensiv zu erfahren und die kleinen Wunder, die sich täglich abspielen, bewusst wahrzunehmen und mit allen Sinnen zu genießen. Momente des Glücks, des Mitgefühls, von Gleichmut und Gelassenheit sind nur 3 Atemzüge entfernt. Probiere es aus, Du wirst erstaunt sein, was das bewirken kann.

Neulich in Fulda: Nach einem Besuch im Plattenladen lief ich über den Universitätsplatz. Da saßen zwei Straßenmusikerinnen. Die eine spielte Gitarre und sang mit beeindruckender Stimme Folksongs, während die Andere dazu große Seifenblasen hervorzauberte und in den Himmel aufstiegen ließ. Ich setzte mich fasziniert von diesem Schauspiel auf eine Bank in der Nähe. Kaum hatte ich Platz genommen, da tauchte ein Mann mittleren Alters auf. Er bat einen Passanten um Feuer für seine Zigarette. Nachdem er sie angezündet hatte, zog er drei Mal kräftig daran, warf sie anschließend weg und setzte sich neben mich. Er kramte sein Smartphone hervor und telefonierte ziemlich laut und aufgeregt.

Mann: Ja hier ist Herr  […]  Ich hab einen Beleg eingereicht und die 10 Euro sind noch immer nicht auf meinem Konto, ich brauch das Geld jetzt!

 […] aber das kann nicht sein, ich hab den Beleg beim Amt schon letzte Woche eingereicht, wo ist das verdammte Geld?

Morgen ist zu spät, ich brauch das Geld jetzt sofort! Er wurde immer lauter und sein Kopf lief hochrot an.

Hören Sie, ich hab den Beleg doch eingereicht, wieso ist der nicht da? Was soll die Scheisse ? Morgen ist zu spät, ich brauch es heute, sonst bekommen meine Kinder nix zu Essen.

Ja, sie haben gut reden, ich hab den Beleg eingereicht und, wenn der nicht da ist, dann haben sie wohl Scheisse gebaut!

Er schrie jetzt in sein Smartphone und ich konnte von der Musik fast nichts mehr hören. Im ersten Moment ärgerte ich mich, weil ich die Musik nicht mehr genießen konnte. Ich wollte ihm sagen, er solle gefälligst verschwinden und woanders telefonieren. Das hätte den Mann mit Sicherheit noch wütender gemacht. Daher beschloss ich mich stattdessen kurz auf meinen Atem zu konzentrieren, wie er beim Einatmen durch meine Nase einströmte und beim Ausatmen wieder ausströmte. Das versetze mich in die Lage, mir der Situation vollkommen bewusst zu werden und was ich jetzt tun konnte, um meinen Ärger loszulassen. Ich praktizierte die kurze Atemmeditation von Thich Nhat Hanh:

Ich atmete weitere 3 Mal tief ein und wieder aus und sagte innerlich folgende Sätze zu mir:

  • 1. Einatmen: Ich atme ein und weiß, dass ich einatme oder kurz Einatmen.
  • 1. Ausatmen: Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme oder kurz Ausatmen.
  • 2. Einatmen: Ich beruhige meinen Körper und Geist oder kurz Beruhigen.
  • 2. Ausatmen: Ich lasse los und lächle (Versuche dabei bitte wirklich zu lächeln. Es hat einen sehr positiven Effekt. Es entspannen sich Hunderte von Muskeln in unserem Körper, wenn wir unser Gesicht zum Lächeln bringen. Thich Nhat Hanh nennt das »Mund-Yoga«. Neuere Untersuchungen haben tatsächlich gezeigt, dass sich die Wirkungen in unserem Nervensystem, die mit echter Freude verbunden sind, auch dann einstellen, wenn wir unsere Gesichtsmuskeln den Ausdruck der Freude annehmen lassen) oder kurz Loslassen und Lächeln.
  • 3. Einatmen: Dieser Moment.
  • 3. Ausatmen: Mitfühlender Moment. Dabei legte ich kurz eine Hand auf mein Herzzentrum, eine Geste des Mitgefühls und der liebenden Güte.

Der Ärger verschwand. Ich erkannte, wie dieser Mann gerade litt, und erinnerte mich daran, dass ich auch schon in solchen Situationen war. Ich fühlte mit ihm.

Schließlich tippte ich ihn an, gab ihm die zehn Euro und sagte: Bitte nehmen Sie das Geld, ich weiß, wie sie sich gerade fühlen, ich kenne das und ich brauche das Geld gerade nicht.

Er sah mich verdutzt an, bedankte sich, beendete das Telefonat und ging. Ich fühlte mich gut und außerdem konnte ich weiter in Ruhe den Straßenmusikerinnen zu hören, eine Win-Win-Win-Situation, denn die Mitarbeiterin der Bank, mit der er wohl telefoniert hatte, war bestimmt auch erleichtert.

Ich genoss die Unterhaltung der beiden Künstlerinnen, die pure Lebensfreude für diese Zeit. Ich war vollkommen präsent und saugte alles in mich auf. Die Sonne schien, ich spürte die Wärme auf meiner Haut und einen leichten Wind. Ich saß da etwa eine Stunde und für diese Stunde war die Depression weg. Ich beobachtete das Geschehen. In dieser Stunde blieb kein Mensch stehen, um zu bemerken, was sich da gerade Wundervolles vor ihren Augen und Ohren abspielte. Sie liefen einfach an den Musikerinnen vorbei, gehetzt, den Blick gerade aus oder zum Boden gesenkt. Ich beobachtete junge Leute, die auf ihr Smartphone starrend, teilnahmslos vorbei liefen, hermetisch abgeschottet von der realen Welt durch die übergroßen Kopfhörer auf den Ohren und nicht weniger großen, dunklen Sonnenbrillen auf ihren Augen.

Es kam mir so vor, als wären die Musikerinnen und ich die Einzigen, die in diesem Moment ganz bewusst im »Hier und Jetzt« waren.

Schließlich ging ich zu den Musikerinnen. Traurig stellte ich fest, dass im offenen Gitarrenkoffer nur wenige Cent-Münzen lagen. Ich bedankte mich für die tolle Unterhaltung, diesen wundervollen Moment, den sie mir geschenkt hatten, und gab ihnen fünf Euro. Sie schenkten mir ein freudestrahlendes Lächeln.

Wieder zu Hause dachte ich noch lange über dieses Erlebnis nach. Es zeigte so bildhaft, was ein selbstbestimmtes Leben und Freiheit ausmacht. Goethe sagte:

Niemand ist hoffnungsloser versklavt, als der, der fälschlich glaubt frei zu sein

und der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt in seinem Buch die smarte Diktatur Angriff auf unsere Freiheit:

Diese Bedürfnisindustrie, kommt so smart daher und sagt uns, was wir brauchen, um frei und anerkannt zu sein. Dabei merkt Niemand, wie er Schritt für Schritt seine Autonomie abgibt, durch Google, Facebook und Co. personalisiert, fremdbestimmt, überwacht wird und seine Freiheit (selbst zu denken, selbstverantwortlich zu handeln, seine Meinung zu sagen, sich selbst ernst zu nehmen, sich zu engagieren) langsam verliert. Wir werden zu Konsumzombies und zu Objekten gemacht, bekommen von Apps vorgeschrieben, was wir essen sollen und wann, wieviele Schritte wir heute getan haben und wieviel wir eigentlich tun müssten, wer unsere Freunde sind und warum, wer unsere engen Freunde sind und warum, wer wann und wo im Urlaub war (was uns neidisch macht) und wer was wann zu Mittag gegessen hat (ohne zu erkennen, was es wirklich gab). Wenn das neue I-Phone demnächst noch bessere Bilder machen kann oder vielleicht heiß wird, wenn man droht vor lauter Realitätsblindheit ohne nach rechts und links zu schauen über die Straßenbahnschienen läuft und gefahr läuft überfahren zu werden, dass nennt sich dann Innovation. Innovation ist langweilig und trivial. Fortschritt ist spannend und nicht-trivial. Fortschritt wäre es, wenn man digital den Straßenverkehr regeln könnte, ohne das es Staus gibt.

Ich schließe mich Herrn Welzer an. Viele sind blind geworden, für die kleinen Wunder des Lebens. Wir rennen dem Glück hinterher und merken nicht, dass wir an ihm vorbei laufen (wie auch, mit übergroßen Kopfhörern auf unseren Ohren und übergroßen Sonnenbrillen auf unseren Augen und warum kaufen wir diese Dinge? Weil diese Bedürfnisindustrie uns suggeriert, das wäre hipp, modern, in, cool, das brauchst Du, um dazu zugehören). Wir sind mit unseren Gedanken ständig in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber nur selten im gegenwärtigen Moment, in dem das Glück stattfindet. Das Glück ist jederzeit da, wenn wir achtsam sind, wenn wir innehalten uns die Zeit nehmen, einfach mal durchzuatmen, stehen zu bleiben und bewusst wahrzunehmen, was gerade in unserer inneren und der äußeren Welt geschieht. Ich kann jetzt noch den Abdruck fühlen, den dieser Moment, als diese wundervolle Stimme gesungen hat und die aufsteigenden Seifenblasen im Sonnenlicht funkelten, hinterlassen hat.

Wir sollten öfter mal stehen bleiben und bewusst wahrnehmen, was in diesem Moment gerade geschieht, denn der gegenwärtige Moment ist die einzige Zeit, in der wir Leben!

Musik, besonders live zu erleben, ist für mich pure Lebensfreude, ich fühle mich frei. Mein letztes Live-Konzert waren die Allah-Las, eine kalifornische Band, die die Hippie-Musik neu aufleben lässt:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=IpRh5bChBSM | © Allah Las Busman’s Holiday | Länge: 3:57 Minuten.

Aloha*

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Veröffentlicht von

Ich heiße Markus Hüfner. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Heilkraft der buddhistischen Psychologie. Durch die Lehren Buddhas habe ich erfahren, dass Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut in jedem Moment erreichbar sind. Um mir dies im hektischen Alltag stets wieder bewusst zu machen, habe ich für mich das A-B-S-Konzept entwickelt. Mein persönliches Anti-Blockier-System für Körper und Geist.